Vereinsporträt (General-Anzeiger vom 07.03.2019)

„In der Bundeshauptstadt ist der beste TT-Nachwuchs zu finden!“ Diese Aussage stammt vom damaligen Jugendverbandstrainer des Westdeutschen Tischtennis-Verbandes (WTTV), Bernie Vossebein. Er bezog sich dabei vor allem auf Manfred Baum, der 1966 mit zwölf Jahren erstmals Westdeutscher Schülermeister wurde. Und er verteidigte diesen Titel nicht nur dreimal in der Folge: 1969 und 1970 wurde er zudem Jugendmeister des WTTV. Die Krönung war dann 1970 das Triple bei den Deutschen Jugendmeisterschaften: Einzel, Doppel mit Vereinskamerad Holger Schlomm und Mixed an der Seite von Monika Kneip aus Flensburg. Der Verein, der Manfred Baum diese Entwicklung ermöglicht hatte, war der 1926 gegründete Post-SV Bonn. Dessen Tischtennis-Abteilung hat eine lange Tradition: Bis 1937 gehörte sie zum TuS Nordstern Bonn. Und in den 60er Jahren waren Spieler wie Hermann Fürderer und Helmut Hoffmann Aushängeschilder im Tischtennissport.

Die besten Jahre der Postler waren dann Ende der 70er: Da klopfte die Herrenmannschaft mit Manfred Baum und Holger Schlomm an das Tor der Oberliga. Dem verpassten Aufstieg folgten der personelle Aderlass und der Abstieg in die Landesliga. Auch Erfolge bei den Damen wurden immer wieder durch Abgänge der Besten gebremst, wie Roswitha Beyerinck (geb. Schmitz) und Ute Jansen.

Am 30. Juni 2002 endete dann das Kapitel Tischtennis beim Post-SV: Die Abteilung wechselte mit ihren damals 74 Mitgliedern geschlossen zu den SSF Bonn. Der Grund: Der Verein investierte vorrangig in das marode Poststadion, für Tischtennis war immer weniger Geld vorhanden.

Gegründet wurden die Schwimm- und Sportfreunde – so nennt sich der Verein seit 1978 – am 3. Februar 1905 als Bonner Schwimmverein. 1921 schloss man sich mit dem Bonner Damenschwimmverein und 1937 mit den Vereinten Wasserfreunden Bonn 09 zum mit aktuell über 10.000 Mitgliedern größten Bonner Sportverein zusammen.

Die Tischtennis-Abteilung bietet eines von heute vierundzwanzig Sportangeboten. Ihre Entwicklung nahm nach dem Beitritt einen raschen Aufschwung: Bereits ein halbes Jahr später war die Zahl auf weit über hundert Mitglieder angewachsen. Heute (20.6.2019) sind es 226 Mitglieder, davon 26 Senioren, 80 Hobbyspieler und 71 Jugendliche, die sich in den Turnhallen der Alten Jahn-Schule, des Heinrich-Hertz-Europakollegs und im Sportpark Nord an sechs Tagen in der Woche zum Training treffen. Zudem kann jedes Mitglied täglich kostenlos das Schwimmbad im Sportpark Nord nutzen.

„Wir knüpfen heute an alte Traditionen an: Konsequente Jugendarbeit soll uns wieder Erfolge bescheren, wie wir sie insbesondere in den 70er-Jahren durch Manfred Baum erlebt haben“, erklärt Jörg Brinkmann, der seit 42 Jahren Abteilungsleiter ist. Heute gehören die SSF im Jugendbereich zu den erfolgreichsten Vereinen des Kreises Bonn. „Etliche Jugendliche konnten in den letzten Jahren im Damen- und Herrenbereich integriert werden, so dass auch hier Erfolge nicht ausbleiben konnten“, betont Brinkmann.

Die Jugendarbeit hat oberste Priorität. So richten die SSF seit 1996 jährlich Tischtennis-Mini-Meisterschaften aus. Hieraus gewinnt man immer wieder neue Talente. Die werden an vier gut besuchten Trainingstagen von drei Jugend- und einigen Assistenztrainern geformt und entwickelt. Sie treten in zwei Jungen-, einer A-Schüler und vier B-Schüler-Mannschaften zu Meisterschaftsspielen an. Momentan findet ein Umbruch statt, denn die älteren Jugendlichen die mit der NRW Liga die höchste Spielklasse erreicht hatten, wachsen langsam raus. Benjamin Wasiljew, einer der Trainer, ist optimistisch: „Durch viele neue motivierte Kinder und Jugendliche soll diese Lücke möglichst bald geschlossen werden.“

Vorbildlich ist auch die Hobbygruppe, die seit über zwanzig Jahren angeboten wird: In dieser Form ist sie einmalig im Tischtenniskreis Bonn. So sieht es auch 37jährige Patrick Masius: „Wir sind in dem Verein wegen der einzigartigen Hobbygruppe!“ Ihn haben die Trainingszeiten, die netten Leute und die super Atmosphäre überzeugt. „Die ‚Guten’ zeigen den Anfängern die Technik, jeder spielt mit jedem, mal mit vollem Ehrgeiz, mal ein Juxdoppel und dann noch die schönen Turnierchen“, begründet er seine Begeisterung. Und manche dieser Hobbyspieler gehen dann auch den nächsten Schritt und lassen sich in dem Team der 3. Kreisklasse fordern.

Die immer größere Nachfrage der älteren Generation wird mit den Angeboten für die Senioren befriedigt. Die 81jährige Jutta Kajan findet es toll, dass sie in ihrem Alter Gruppen findet, in denen sie Sport treiben kann: Neben Tischtennis geht sie außerdem regelmäßig schwimmen. Wolfram Wichert ist mit 76 Jahren ebenfalls regelmäßig an den Tischen. Ihm gefällt, „dass wirklich alle Altersgruppen hier aktiv sind, dass man gelebte Integration vorfindet und ‚Standesunterschiede’ nicht erkennbar werden.“ Zweimal wöchentlich trainieren die Senioren unter Anleitung. Ältester ist übrigens mit 87 Jahren der langjährige Trainer Wolfgang Hinze.

Am ‚normalen’ Spielbetrieb nehmen die SSF mit einer Damen- und sechs Herrenmannschaften teil. Die Damen treten zwar in der untersten aller Damenligen an, der Bezirksklasse. Sie stehen dort aber auf Platz zwei und haben mit einem Punkt Rückstand noch Chancen auf den Aufstieg. Die Herren sind mit sechs Mannschaften unterwegs. Von der zweiten bis zur sechsten werden alle fünf Ligen ab der Bezirksklasse über die Kreisliga bis hin zur 3. Kreisklasse abgedeckt. Das Prunkstück ist die Erste: Nach den Abstiegen 2006 aus der Landesliga bis 2011 in die Bezirksklasse hat sie sich langsam wieder die Landesliga zurück gearbeitet und ist im letzten Jahr sogar in die Verbandsliga aufgestiegen. Dies war umso überraschender, als man in der vorangehenden Saison dem Abstieg aus der Landesliga als letztes Team der Relegationsrunde um Haaresbreite noch entgangen ist. Trotz dreier Verstärkungen steht die junge Truppe allerdings im Tabellenkeller und muss um den Klassenerhalt zittern.

Allen ihren Aktiven bietet die Tischtennis-Abteilung neben Vereinsmeisterschaften, Weihnachtsturnier, Schleifchenturnier und Andro-Cup zusätzliche Aktivitäten wie das SSF-Festival, die Herbstwanderung, eine Ski- sowie Ferienfreizeiten und sogar die Streckenbetreuung beim Bonn-Marathon.

Stellvertretend für alle äußert sich Karl-Heinz Theves, der mit seinen 56 Jahren in der 5. Mannschaft antritt: „Der SSF Bonn ragt als Gesamtverein mit seinem Sportangebot aus den übrigen Bonner Vereinen heraus. Hier trainiert auch mal der Verbandsligaspieler mit dem Kreisklassespieler und die Zahl der Gastspieler ist viel höher als in anderen Vereinen.“ Er spürt in dem Verein eine Dynamik wie im wirklichen Leben. „Das Vereinsleben unterliegt ständigen Veränderungen“, sagt er und hebt hervor, dass Tischtennis als Individualsport auf Dauer nur in einer funktionierenden Gemeinschaft Spaß macht: Und das wird beim SSF verstanden und gelebt.

mit freundlicher Genehmigung des Autors Joachim Schollmeyer (für den General-Anzeiger)